Mitte Februar 2026 stand im Circle in Offenbach alles im Zeichen der Kreislaufwirtschaft: Bei der Veranstaltung „Circular Infrastructure – Kreislaufwirtschaft im Infrastrukturbau“ tauschten sich führende Vertreter aus Politik und Branche über deren Bedeutung und Zukunftsperspektiven aus. Allein im Verkehrswegebau werden laut Circle-Initiator Daniel Imhäuser jährlich mehr als 400 Millionen Tonnen Baustoffe eingesetzt. Rund 100 Millionen Tonnen davon sind Recycling- und Ersatzbaustoffe, die zurück in die Infrastruktur fließen. Jeder vierte verbaute Stein hat damit ein Vorleben – drei von vier Steinen sind jedoch noch neu. Während Länder wie die Niederlande bei knapp 50 Prozent liegen, versteht sich der Circle als Arbeitsraum mit mehr als 100 engagierte Expertinnen und Experten aus Planung, Bau und Recycling, um Expertise zu bündeln und den deutschen Recyclinganteil von 25 Prozent zu erhöhen.
Schnieder: „Mehr Sekundärbaustoffe einsetzen“
In seiner Keynote betonte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder die doppelte Verantwortung von Wirtschaft und Politik. Innovative Technologien zur Aufbereitung und zum Einsatz mineralischer Ersatzbaustoffe seien entscheidend – insbesondere, wenn sie direkt an der Baustelle Schadstoffe trennen, Transportwege reduzieren und so echte Nachhaltigkeit ermöglichen. „Ob bei Straßen- oder bei Schienenvorhaben: Der Aspekt der Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle. Wir müssen den Rohstoffverbrauch reduzieren und mehr Sekundärbaustoffe einsetzen, um zuverlässig und ressourcenschonend zu bauen, ohne dabei die Qualität zu vernachlässigen“, so Bundesminister Schnieder. Es brauche die Vernetzung der Unternehmen. Daher sei der Circle eine vorbildliche Einrichtung. Entscheidend seien praktikable Lösungen vor Ort, Qualitätsvertrauen und nachhaltige Abwägungen entlang realer Baustellenbedingungen.
Schnieder kündigte an, Digitalisierung und Building Information Modeling (BIM) konsequent auszurollen. Digitale Bauwerksmodelle ermöglichen es, Materialien über den gesamten Lebenszyklus transparent zu erfassen – vom Einbau bis zum potenziellen Rückbau nach Jahrzehnten. CO2-Fußabdruck, Wiederverwendbarkeit und Stoffströme werden damit nachvollziehbar und steuerbar. Ziel sei es, Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, Dauerverfahren zu beenden und nachhaltiges Bauen strukturell zu verankern.
Nachhaltigkeit in Strategie verankert
Michael Güntner stellte die drei Säulen der Autobahn GmbH vor: Netzverfügbarkeit, Nutzerorientierung und Nachhaltigkeit und unterstrich die Dimension der Aufgabe: 13.000 Kilometer Autobahn bilden das physische Fundament der deutschen Volkswirtschaft. Gleichzeitig entfallen rund 60 Prozent des gesamten Abfallaufkommens in Deutschland auf den Bausektor, während die Bauindustrie weltweit etwa 40 Prozent des Ressourcenverbrauchs verantwortet. Für die Autobahn GmbH ist Circular Infrastructure daher kein Idealismus, sondern ökonomische Notwendigkeit. Pilotprojekte zeigen bereits messbare Effekte: Durch innovative Bauverfahren und die Berücksichtigung von CO₂ als Zuschlagskriterium konnten bei einzelnen Sanierungsmaßnahmen Emissionen um über 70 Prozent reduziert werden.
Kaltrecyclinganlagen direkt an der Baustelle sparen tausende Lkw-Fahrten. Asphaltgranulat kann heute zu bis zu 90 Prozent ohne Qualitätsverlust wiederverwendet werden. Künftig sollen digitale Materialpässe sicherstellen, dass auch kommende Generationen genau wissen, welche Ressourcen in Bauwerken gebunden sind. Güntner machte jedoch auch deutlich: Regulatorische Unsicherheiten, Dokumentationspflichten und hohe Deponiekosten führen derzeit teilweise dazu, dass wertvolle Materialien nicht im Kreislauf geführt werden. Hier brauche es verlässliche, praktikable Lösungen. Die Autobahn GmbH stehe bereit für Pilotprojekte, die skalierbar sind.
Road to Circular Infrastructure 2030
Im Panel „Road to Circular Infrastructure 2030“ diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Industrie und Baupraxis, wie sich Recyclingbaustoffe stärker in Ausschreibungen verankern lassen, wie Genehmigungsunsicherheiten abgebaut und wie Innovation schneller skaliert werden kann. Deutlich wurde: Die Technik ist vorhanden. CO2-Reduktion ist messbar. Digitale Werkzeuge sind einsatzbereit. Was jetzt zählt, ist der Schulterschluss zwischen Bauherren, Bauwirtschaft, Industrie und Politik. Kreislaufwirtschaft kann zum Standortvorteil für Deutschland werden – ökologisch wie ökonomisch.