Niedrigwasser am Rhein: Schiffsführer müssen Risiken abwägen

17.08.2026 13:25 Uhr | Lesezeit: 3 min
Niedrigwasser am Rhein: Blick auf das weitgehend trockene Flussbett am Beueler Rheinufer in Bonn bei einem Pegelstand von 78 cm am Pegel Bonn
Niedrigwasser auf dem Rhein zwingt Binnenschiffe zu deutlich geringerer Beladung. (Symbolbild)
© Foto: picture alliance / Bonn.digital | Marc John

Das anhaltende Niedrigwasser am Rhein schränkt die Binnenschifffahrt erheblich ein. Schiffe transportieren deutlich weniger Ladung, Fahrten dauern länger und einzelne Abschnitte werden für größere Einheiten zunehmend zum Problem.

Die anhaltend niedrigen Pegelstände auf dem Rhein stellen die Binnenschifffahrt vor große Herausforderungen. Fehlendes Schmelzwasser aus den Alpen und ausbleibende Niederschläge sorgen seit Wochen für geringe Wasserstände auf dem Oberrhein. 

Für Binnenschiffer Patrick Mnich sind die Folgen auf jeder Fahrt spürbar, erzählt er der dpa: Der Schiffsführer der GMS Kallisto steuert sein Schiff rheinaufwärts Richtung Kehl und muss die Geschwindigkeit den aktuellen Verhältnissen anpassen. „Ich möchte gerne Gas geben und es geht nicht, weil, es ist kein Wasser da“, sagt Mnich. Seine Schiffsschraube benötige ausreichend Wasser seitlich und unter dem Schiff, um Tempo zu machen.

Nur noch wenige Zentimeter zwischen Schiff und Flussgrund

Besonders kritisch wird die Situation dort, wo zwischen Schiff und Flussbett nur noch 30 bis 40 Zentimeter Wasser verbleiben. In solchen Bereichen wirbelt die Schiffsschraube bereits Kies vom Grund auf, erzählt Mnich der dpa weiter.

Dann müsse die Geschwindigkeit weiter reduziert werden, erklärt er: „Ich kann Gas geben und werde langsamer, weil ich mich dann am Grund festsauge“, sagt er. Im schlimmsten Fall könne ein Schiff aufsetzen und die Fahrt nicht fortsetzen.

Nach Angaben des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Oberrhein liegen die Pegelstände seit Anfang Juni auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Eine kurzfristige Entspannung der Lage ist derzeit nicht in Sicht.

Frachtschiffe fahren mit stark reduzierter Ladung

Wie deutlich das Niedrigwasser die Schifffahrt beeinträchtigt, zeigt sich bei der Beladung. Aktuell transportiert Mnich Maschinenteile für Windkraftanlagen, die vor über einer Woche in Magdeburg geladen wurden und nach Kehl gebracht werden.

Ursprünglich sollten sechs Bauteile an Bord genommen werden: „Das sollten sechs Teile sein, jetzt habe ich drei drin“, sagt er. Die GMS Kallisto verfügt über eine reguläre Tragfähigkeit von 1570 Tonnen. Tatsächlich befördert das Schiff derzeit jedoch lediglich rund 150 Tonnen und damit etwa zehn Prozent seiner maximalen Kapazität. Bei Niedrigwasser würde es sonst zu tief eintauchen, denn jede zusätzliche Ladung von sieben Tonnen lasse das Schiff um einen Zentimeter tiefer eintauchen. 

Auch das baden-württembergische Verkehrsministerium geht davon aus, dass die meisten Transporte auf dem Rhein derzeit mit deutlich reduzierter Ladung durchgeführt werden. Die maximale Auslastung der Binnenschiffe liege aktuell bei rund 20 Prozent.

Lange Fahrzeiten und schwierige Abschnitte am Oberrhein

Neben der geringeren Ladungsmenge wirken sich die niedrigen Wasserstände auch auf die Transportdauer aus. Die Tagesetappe von Mannheim nach Kehl wird für Mnich deutlich länger als unter normalen Bedingungen - stellenweise komme er nur sehr langsam voran: „Da sind wir leider auch über einen Kieshaufen gerutscht“, berichtet der Schiffsführer. Für die Strecke bis Kehl rechnet er mit einer Fahrzeit von rund 14 Stunden. Dort muss er morgen früh die Ladung löschen. Schon jetzt weiß er: Es wird ein langer Tag.

Entscheidung über Fahrt liegt bei den Schiffsführern

Während die 80 Meter lange GMS Kallisto aufgrund ihres vergleichsweise geringen Eigengewichts und ihrer flachen Bauweise weiterfahren kann, haben größere Schiffe zunehmend Schwierigkeiten. Der Bruder von Patrick Mnich, ebenfalls Binnenschiffer, sitze derzeit im Duisburger Hafen fest, weil sein Schiff bei den aktuellen Wasserständen zu tief eintauchen würde.

Nach Angaben der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt gibt es keinen festgelegten Pegelstand, ab dem Schiffe ihre Fahrten einstellen müssen. Die Verantwortung für Beladung und Fahrtentscheidung liegt grundsätzlich beim jeweiligen Schiffsführer.

Mit Blick auf weiter sinkende Wasserstände vermutet Mnich, dass manche Schiffsführer größere Risiken eingehen könnten, „um noch mal ein bisschen mehr zu verdienen“. Auch er muss als Schiffsführer jeden Tag aufs Neue abwägen. Nach diesem Auftrag soll er Tierfutter in Beinheim am Rhein abholen. Wie viel davon er laden kann, weiß er noch nicht. Das werde er kurzfristig anhand der Prognosen entscheiden müssen.

Unternehmen weichen auf Lkw und Lagerhaltung aus

Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Oberrhein weist darauf hin, dass Transporte bei zu geringer Auslastung wirtschaftlich kaum noch wirtschaftlich sind. Gleichzeitig müssen Industrieunternehmen ihre Produktion weiterhin sicherstellen.

Nach Angaben des baden-württembergischen Verkehrsministeriums müssen viele Unternehmen deshalb auf andere Verkehrsträger ausweichen oder zusätzliche Lagerkapazitäten nutzen. Um die Auswirkungen des Niedrigwassers abzufedern, wurde im Land auch das Sonntagsfahrverbot für Lastwagen aufgehoben. Die Lage am Rhein wird von den Behörden als angespannt beschrieben.

Binnenschiffer sorgen sich um Aufträge und Kunden

Obwohl Mnich aktuell noch fahren kann und weiterhin Aufträge erhält, hat er Sorge: „Auf lange Sicht ist es nicht toll für uns“, sagt er.

Ein geplanter Auftrag für Konstruktionsteile aus Aschaffenburg wurde bereits abgesagt. Der Kunde habe den Transport storniert, weil ihm die Situation auf dem Rhein derzeit zu unsicher sei.

Hoffnung auf steigende Pegelstände

Kritisch sieht er auch die Berichterstattung über die Befahrbarkeit des Rheins und die Auswirkung auf seine Kunden. Anfang der Woche hatte der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt erklärt, der Rhein sei aufgrund der niedrigen Pegelstände im Prinzip nicht mehr durchgängig befahrbar.„Das ist halt meiner Meinung nach nicht gut, sowas zu sagen, weil es hört sich halt einfach sehr radikal an“, findet Mnich.

Seine Hoffnung richtet sich auf steigende Wasserstände in den kommenden Wochen. „Also, wenn wir einen halben Meter mehr Wasser hätten, wäre ich schon sehr dankbar. Nicht für mich, sondern damit die Kundschaft wieder aufs Wasser zurückkommt“, erklärt er.

Ob er ab einem bestimmten Wasserstand nicht mehr fahren würde, weiß Mnich nicht. Das habe er noch nie ausprobiert. «Erfahrung macht klug, ne?», sagt er.


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