Rhein-Niedrigwasser: HGK fordert 1000 Güterbinnenschiffe

13.08.2026 16:15 Uhr | Lesezeit: 3 min
Rhein-Niedrigwasser: HGK fordert 1000 Güterbinnenschiffe
Die niedrigwasseroptimierte „Synthese 18“ von HGK Shipping transportiert auch bei sehr niedrigen Wasserständen am Rhein weiterhin Güter.
© Foto: HGK Shipping

Angesichts des Rhein-Niedrigwassers fordert HGK Shipping ein Flottenerneuerungsprogramm für bis zu 1000 moderne Güterbinnenschiffe bis 2035. Die Bundesregierung soll dafür einen langfristigen Förderrahmen schaffen.

Die anhaltende Niedrigwasserlage auf dem Rhein macht nach Ansicht von HGK Shipping deutlich, dass die europäische Güterbinnenschifffahrt vor erheblichen Herausforderungen steht. Das Unternehmen fordert deshalb ein langfristig angelegtes Flottenerneuerungsprogramm, das bis 2035 Investitionen in bis zu 1000 moderne, niedrigwasserfähige und energieeffiziente Güterbinnenschiffe in Europa mobilisieren soll.

Aus Sicht von HGK sollte die Bundesregierung dabei eine führende Rolle übernehmen und einen langfristig verlässlichen Förderrahmen schaffen. Ziel sei es, private Investitionen anzustoßen, die Wettbewerbsfähigkeit der Binnenschifffahrt zu stärken und die Widerstandsfähigkeit der Logistik gegenüber Niedrigwasserereignissen zu erhöhen.

Rhein-Niedrigwasser schränkt Transportkapazitäten ein

Wie groß die Herausforderungen sind, zeigt die aktuelle Situation am Mittelrhein. Am Pegel Kaub wurden am 11. August lediglich 16 Zentimeter gemessen. Prognosen zufolge könnte sich die Lage weiter verschärfen.

Mit sinkenden Wasserständen reduzieren sich die möglichen Abladungen der Schiffe deutlich. Dadurch gehen die Transportkapazitäten auf einer der wichtigsten europäischen Güterverkehrsachsen zurück. Nach Angaben von HGK können niedrigwasseroptimierte Schiffskonzepte die Auswirkungen solcher Situationen abmildern.

© Foto: HGK-Gruppe

„Was eine modernere Flotte leisten kann, sehen wir gerade: Unsere ‚Synthese 18‘ transportiert selbst bei den aktuell extremen Bedingungen am Pegel Kaub noch 485 Tonnen Ladung. Stellen wir uns vor, wir hätten solche Fähigkeiten nicht nur auf einzelnen Schiffen, sondern in relevanten Teilen der europäischen Flotte. Genau darum geht es bei unserer Forderung nach bis zu 1000 modernen Schiffen: industrielle Lieferketten auch bei extremen Wasserständen länger leistungsfähig zu halten“, sagt Steffen Bauer, CEO der HGK-Gruppe.

Die seit 2018 im unternehmenseigenen Shipping Design Center entwickelten niedrigwasseroptimierten Schiffe dienen nach Unternehmensangaben als Referenz für weitere Projekte. Derzeit betreibt HGK neun Schiffe dieses Typs.

HGK sieht Risiken für Wirtschaft und Lieferketten

Nach Einschätzung des Unternehmens könnte das aktuelle Niedrigwasser 2026 das deutsche Wirtschaftswachstum spürbar beeinträchtigen, sofern die extreme Niedrigwasserphase anhält. Die derzeitigen Schätzungen bewegen sich laut HGK bei einem möglichen Rückgang des BIP-Wachstums von rund 0,3 bis 0,4 Prozentpunkten.

Zudem verweist das Unternehmen auf Berechnungen des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, wonach die volkswirtschaftlichen Schäden des aktuellen Niedrigwassers im dritten Quartal bis zu zwei Milliarden Euro erreichen könnten.

Überalterte Rheinflotte und geringe Neubaurate

Neben den akuten Niedrigwasserproblemen sieht HGK auch strukturellen Modernisierungsbedarf. Nach Zahlen der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt umfasst die Trocken- und Flüssiggüterflotte der Rheinstaaten rund 7800 Schiffe. Rund 80 Prozent der Trockengüterschiffe wurden im 20. Jahrhundert gebaut.

Gleichzeitig fällt die Neubaurate gering aus. Im Jahr 2024 kamen nach den genannten Zahlen lediglich 13 neue Trockengüterschiffe und 38 neue Tankschiffe auf den Markt.

Die Branche ist zudem stark mittelständisch geprägt. Viele Schiffe werden von kleinen und mittleren Unternehmen sowie selbstständigen Schiffseignern betrieben. Die hohen Investitionskosten moderner Neubauten und lange Amortisationszeiten erschweren dort häufig Ersatz- und Erweiterungsinvestitionen.

„Wir können Niedrigwasser nicht verhindern. Aber wir können Schiffe bauen, die unter schwierigen Bedingungen länger leistungsfähig bleiben. Wenn wir die Flotte modernisieren wollen, müssen wir gerade auch mittelständische Unternehmen und Partikuliere in die Lage versetzen, in die nächste Schiffsgeneration zu investieren“, so Steffen Bauer.

Bis zu 12,5 Milliarden Euro Investitionspotenzial

Mit einem „Flottenerneuerungsprogramm Güterbinnenschifffahrt 2035“ sollen nach Vorstellungen von HGK Investitionen in bis zu 1000 moderne Güterbinnenschiffe mobilisiert werden. 

Ein solches Programm würde zugleich eine Nachfrage nach modernen Schiffen schaffen und dazu beitragen, europäische Schiffbaukapazitäten und technologische Kompetenz zu sichern und weiterzuentwickeln.

Legt man ein durchschnittliches Investitionsvolumen von 12,5 Millionen Euro pro Neubau zugrunde, ergibt sich ein Ziel-Gesamtinvestitionsvolumen von bis zu 12,5 Milliarden Euro.

Bundesregierung soll langfristige Förderung schaffen

Um die Investitionen anzustoßen, fordert die HGK einen langfristig verlässlichen und ausreichend dimensionierten Förderrahmen, sodass insbesondere KMU und Partikuliere in moderne Neubauten investieren können. Förderquoten von bis zu 40 Prozent sollten nach Ansicht des Unternehmens geprüft und im Rahmen der beihilferechtlichen Möglichkeiten genutzt werden.

„Die Modernisierung der Flotte ist eine europäische Aufgabe – aber Deutschland muss dabei vorangehen. Wir brauchen von der Bundesregierung einen verlässlichen Investitionsrahmen bis 2035, das privates Kapital mobilisiert und Unternehmen Planungssicherheit für Neubauten gibt. Damit stärken wir die Resilienz unserer Lieferketten und zugleich industrielle Wertschöpfung und Schiffbaukompetenz in Europa“, sagt Steffen Bauer.

Das bestehende Bundesprogramm für eine grüne Binnenschifffahrt mit zunächst 125 Millionen Euro bewertet HGK als wichtige Grundlage. Aus Sicht des Unternehmens reicht dies jedoch nicht aus, um die langfristigen Anforderungen durch häufigere und nachhaltigere Niedrigwasserphasen abzudecken.

Flottenmodernisierung ersetzt Ausbau der Wasserstraßen nicht

Ein Flottenerneuerungsprogramm allein kann nach Angaben von HGK die notwendigen Investitionen in die Wasserstraßeninfrastruktur nicht ersetzen. Als zentrale Projekte nennt das Unternehmen die Abladeoptimierung am Mittelrhein, die Abladeverbesserung und Sohlenstabilisierung am Niederrhein sowie die Beseitigung weiterer Engpässe auf den Bundeswasserstraßen.

„Ein solches Programm wäre ein starkes Standortsignal an die deutsche Industrie. Gerade die Unternehmen entlang der Rheinschiene müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Versorgung auch unter schwierigeren Bedingungen funktioniert. Wer in eine resiliente Wasserstraße und eine moderne Flotte investiert, investiert deshalb unmittelbar in die Zukunftsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland“, so Steffen Bauer. „Den Vorstoß der Bundesregierung, die Umweltverbände in die Planung der notwendigen Maßnahmen einzubeziehen, begrüßen wir ausdrücklich.“

HASHTAG


#HGK Shipping

MEISTGELESEN


STELLENANGEBOTE


Sachbearbeiter Export (m/w/d)

Meckenheim (bei Bonn)

KOMMENTARE

SAGEN SIE UNS IHRE MEINUNG

Die qualifizierte Meinung unserer Leser zu allen Branchenthemen ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie bei Ihren Kommentaren auf die Netiquette, um allen Teilnehmern eine angenehme Kommunikation zu ermöglichen. Vielen Dank!


NEWSLETTER

Newsletter abonnieren und keine Branchen-News mehr verpassen.


www.schifffahrtundtechnik.de ist das Online-Portal der achtmal jährlich erscheinenden Zeitschrift Schifffahrt und Technik. Schwerpunktthemen sind Schifffahrt und Binnenschifffahrt, Transport und Logistik im Hafen und intermodaler Verkehr zwischen See- und Binnenhäfen. Praxiserfahrene Journalisten recherchieren vor Ort und schreiben Klartext zu Logistik in See- und Binnenhäfen, kombiniertem Verkehr, Reedereien, Güterverkehr und Schwerlastlogistik.