In ihrem umfassenden Fotoprojekt „Ein Schiff voller Glück“ untersucht Elles Magermans die globalen Wege der Seefracht und deren Verbindung zum menschlichen Verhalten. Mit 24.000 einzelnen Bildern, die jeweils ein mal ein Zentimeter groß sind, malt die Künstlerin ein gigantisches Porträt der modernen Konsumwelt – symbolisch, ästhetisch und zugleich kritisch. Dabei steht jedes einzelne Foto für einen einzelnen Inhalt eines Containers – typische Handelsware, die ihren Ursprung in Asien hat und in Europa ankommt. Dafür war die Künstlerin seit 2019 unterwegs, fuhr beispielsweise mit einem Containerschiff von Rotterdam (NL) nach Hull (UK) und saugte dabei alles auf, was auf dem Schiff und in den beiden Häfen passierte.
Das Werk, das nun kurz vor der Vollendung steht, misst 400 mal 60 Zentimeter und verweist damit auf die Dimensionen des größten Containerschiffs der Gegenwart: Die MSC Irina ist 399,93 Meter lang und 61,33 Meter breit. Das Verhältnis 1:100 spiegelt sich in der Fotocollage wider, deren Form die Proportionen des Schiffes greifbar macht. Insgesamt umfasst das Mosaik 24.000 Bilder, eine Zahl, die die Ladekapazität der MSC Irina veranschaulicht: 24.346 Container können auf dem Frachter Platz finden.
Die Bilder von Magermans entstehen aus einer Reihe von Perspektiven, die das Publikum in eine fast hypnotische Reise hineinziehen. Von weiß über rosa, grün, schwarz, orange, rot, blau – die Farbpalette bildet eine künstlerische Reise um die Welt und lädt zugleich zur Reflexion ein.
„Die zentrale Botschaft des Werks ist bewusst vielschichtig: Der Betrachter erkennt schnell, dass hinter den bunten Flecken aus winzigen Fotos Produkte stehen, die täglich in europäischen Häfen entladen werden“, erläutert die Fotografin. Diese Güter wurden durch Werbung in den Konsumentenalltag gedrängt; der Einkaufsakt wird zu einer Gewohnheit. Dopamin, so Magermans, „kitzelt die Nerven“ – Einkaufen macht glücklich. Doch während der Betrachter in den Baukasten der Konsumwelt eintaucht, lädt das Werk dazu ein, sich der eigenen Rolle in diesem Kreislauf bewusst zu werden: eine fragile Balance zwischen Nachhaltigkeit, Globalisierung, Mensch und Umwelt.
„Ein Schiff voller Glück“, Elles Magermans
Jungfernfahrt steht bevor
„Ein Schiff voller Glück“ soll bald vom Stapel laufen. Nach nun gut sechs Jahren neigt sich das Kunstwerk seiner Vollendung entgegen. Im ersten Quartal 2026 soll das Werk produziert und dann der Öffentlichkeit vorgestellt werden – sobald feststeht, wo es seinen ersten Ausstellungsort oder vielleicht sogar Heimathafen findet, eventuell in einem großen Foyer oder Saal. Zurzeit sucht Magermans den Kontakt mit verschiedenen Ideengebern und möglichen Sponsoren. Denn aufgrund der ungewöhnlichen Größe und der notwendigen hohen Qualität wird der Druck des Fotoprojekts aufwändig und teuer.
Die Künstlerin
Hinter dem Projekt steht Magermans, niederländische Künstlerin und Fotografin, geboren 1963, die wegen der Liebe 2008 nach Mannheim kam und seither hier lebt und arbeitet. Mit ihrem Mann, der ebenfalls Künstler ist, begrüßt sie im gemeinsamen Atelier in der Mannheimer Auerhahnstraße gern Besucher. Magermans arbeitet als Fotografin, konzipiert künstlerische Mitmachaktionen und Workshops für öffentliche Einrichtungen und gibt in ihrem Studio Workshops für Fotografie – digital für Spiegelreflexkamera und analog in der Dunkelkammer. Als Künstlerin, die ungern Kompromisse eingeht, konzentriert sich in ihren Kunstprojekten auf den Menschen und sein Verhältnis zur derzeitigen Gesellschaft. Ihre Fotoprojekte können sich mitunter über Jahre erstrecken, zum Beispiel ein Projekt im Auftrag der Diakonie, bei dem sie den Lebensweg geflüchteter Frauen in Mannheim begleitet hat.
Quelle: Magazin Hafen Mannheim, Winter 2025