Der Regio-Spezial Prolog 08|2020

 

Gut gedacht, schlecht gemacht

 

 

Die sogenannte „72 Stunden Regel“ besagt, dass Transportpersonal, das sich länger als 72 Stunden in einem Risikogebiet aufgehalten hat, sich für mindestens zehn Tage in Quarantäne begeben muss und sich frühestens nach fünf Tagen mit einem negativen Corona-Test von der Quarantäne befreien lassen kann. Während die Wartezeit der Containerbinnenschifffahrt an den Seehafen-Terminals in Rotterdam und Antwerpen schon drei bis vier Tage beträgt, bekommt die Lkw-Branche ebenfalls ein Problem: Fahrer aus euro-
päischen Nachbarländern können entweder nicht mehr nach Hause oder nicht mehr zurück zur Arbeit. Ein weiteres Mal zeigt sich: Gut gedacht ist nicht gut gemacht.

 

Letztlich lebt die Logistik davon, dass der Verkehr fließt. Im Gegensatz zum ersten Lockdown schien es nun so, dass zumindest der

 

 

 

Gütertransport von den Restriktionen verschont bleibt. Und im Falle der Binnenschifffahrt hätte das ja auch Sinn gemacht, denn die Schiffer sind ja ohnehin in einer Art Berufsquarantäne. Aber in Deutschland ist eine Verordnung nun mal eine Verordnung, Ausnahmen macht man nur auf massiven Druck und auch nicht überall. Und so, wie es sich in diesem speziellen Fall darstellt, ist die Verordnungslage insgesamt. Sie ist, sagen wir mal vorsichtig, wenig geordnet und dadurch in Teilen auch wenig zielführend, respektive nachvollziehbar. In der Privatgesellschaft führt das zu Unmut und zu noch absurderen Reaktionen, bis hin zur Leugnung der Gefahr. In der Wirtschaft, vor allem bei Mittelständlern, führt es zu massiver Unsicherheit, dringende Investitionen bleiben aus, mögen sie nun klimatisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich von Interesse sein: Der Motor stottert und droht aus zu gehen. Zu allem Überfluss glaubt man in der Politik nun auch noch, dass die Gelder, die man allzu freizügig - und auch hier völlig

ungeordnet - verteilt, am besten bei denen zurückholt, bei denen die Proteste entweder nicht stark genug sind oder sie keinen interessieren. Und das ist leider ein weiteres Mal die Binnenschifffahrt.
All das zeigt, dass uns Einigkeit, Zusammenhalt und Verantwortung füreinander zunehmend abhandenkommen - die Solidargesellschaft steht auf dem Spiel. Für die Binnenschifffahrt gilt: Nie war es wichtiger, sich zusammenzuraufen, mit einer Stimme zu sprechen und endlich einmal ein Kommunikationskonzept zu entwickeln, das die Wichtigkeit der Branche und deren Nachhaltigkeit so positiv vermittelt, wie sie es faktisch auch sind.

 

Ihr

Martin Heying

SUT-Chefredakteur